Daily Reports

4. September 2010: Tiksi, 129°E, 71,6°N

Nach einem fast 30 Stunden langen und anstrengenden Flug über Kopenhagen, St. Petersburg und Jakutsk landeten wir um ca. 16:00 Uhr am Mittwoch, den 01.09.10, in Tiksi – die Wohnungssuche konnte beginnen. Die 18 Teilnehmer wurden auf zwei Wohnungen (Gästewohnungen des Lena-Delta-Reservats sowie des Hydrometeorologischen Instituts Tiksi) verteilt und konnten sich bis zum Abendessen mit der Hafenstadt vertraut machen.
Die Wartezeit bis zum Einlaufen des Schiffes verbrachten wir mit den letzten Vorbereitungen der Expedition und auch mit Freizeitaktivitäten. Nachdem also die Schichten eingeteilt, die Geräte vorbereitet sowie erklärt und die Gruppen festgelegt waren, nutzten die Teilnehmer die freien Stunden. Viele gingen spazieren, um so den Ort genauer kennenzulernen oder um den Schieferbedeckten Strand bzw. die Steilküste zu betrachten. Einige deutsche Studenten lernten Russisch unter fleißiger Mithilfe der russischen Kollegen – doch nicht nur beim Lernen wurde Zeit miteinander verbracht. So wurde beispielsweise nach einem Tag harten Trainings das Fußballteam von Tiksi herausgefordert – da das Ergebnis für uns eher leidlich ausfiel, lassen wir es hier lieber unter den Tisch fallen. An den darauffolgenden Tagen war abends der nahegelegene Spielplatz oftmals ein Treffpunkt für Gruppenspiele zusammen mit örtlichen Kindern und Jugendlichen, was dann zumeist mit einem gemeinsamen Teetrinken in einer der Wohnungen beendet wurde.


Der Strand von Tiksi im kurzen arktischen Sommer
– allerdings lädt das Wasser mit knapp 4°C nicht
wirklich zum Baden ein


Das schon fast traditonelle Fußballspiel unseres Expe-
ditionsteams gegen den Jugend-Fußballverein Tiksi
im „Stadion" von Tiksi
 

 

 

Durch das ortsansässige Restaurant „Sewer" wurden wir gut und recht ausreichend mit typisch russischer Küche versorgt, und auch das Wetter zeigt sich mit 2-8°C sowie größtenteils Sonnenschein recht freundlich. Somit geht es nun am frühen Dienstag ausgeruht und in voller Frische auf das Schiff, auf dem uns dann ein strammes Stationsprogramm erwartet: 57 hydrologische Stationen sowie 4 zu bergende und 5 wieder auszusetzende Meeresbodenobservatorien werden die nächsten Wochen ziemlich füllen.

Mit besten Grüßen aus Tiksi an alle Daheimgebliebenen,
das Expeditionsteam

 

 

Laptev-See, 12.09.2010, 132° Nord, 74,5° Ost

Nach langer Wartezeit in Tiksi freuen sich alle darauf, endlich messen zu können. Das Wetter meinte es gut mit uns und für die erste Station hatten wir „Ententeichwetter" mit fast spiegelglatter See. Für die meisten war es die erste Reise auf einem Forschungsschiff, deshalb waren auch das kleine Labor und das Deck ziemlich bevölkert. Das wichtigste Arbeitsgerät ist eine Rosette mit sich automatisch schließenden Flaschen, mit denen Wasserproben in unterschiedlicher Tiefe genommen werden. Zusätzlich sind an die Rosette Messgeräte zur Messung anderer Parameter wie Salzgehalt und Druck angebracht. Bei jeder Station werden außerdem auch mit einem feinen Netz biologische Proben genommen.

Auf Schiffen, die speziell für die Wissenschaft gebauten werden, findet man normalerweise spezielle Winden, um die Rosette auszubringen. Da wir nicht auf einem neuen Schiff fahren (unseres ist 36 Jahre alt), müssen wir etwas improvisieren. Ein kleines Abenteuer war, dass die Bremse die Krans sich entschied Überlast zu melden, und eine Handvoll starker Wissenschaftler kurzerhand die Rossette per Hand an Bord zogen. Glücklicherweise wurde nichts zerstört und kein einziger Messwert ging verloren.

Um den momentanen Zustand der Atmosphäre (üblicherweise „Wetter" genannt) zu bestimmen, gibt es überall auf der Welt Wetterstationen, von den sibirischen Küsten bis in die Antarktis. Schwieriger ist es nun, den Zustand eines Meeres zu bestimmen, weil Wasser wesentlich zerstörerischer ist als Luft. Die Wetterballons der Ozeanographie werden Verankerungen genannt und sind Observatorien, die auf dem Meeresboden verankert sind. Solche Verankerungen bleiben üblicherweise etwa ein Jahr unter Wasser, um danach eingesammelt zu werden, erst dann kann man die Daten auslesen. In der gesamten inneren Arktis gibt es davon weniger als ein Dutzend, deshalb sind die Daten dieser wenigen umso wichtiger. Während unserer Expedition hoffen wir, dass wir fünf davon bergen können, und die erste ist bereits sicher an Bord! Es ist interessant (für die Biologen) bzw. störend (für die Ozeanographen), dass die verankerten Instrumente von einer nach Fisch riechenden dicken Schicht Etwas isoliert sind, die mühsam entfernt werden muss. Aber davon abgesehen hat alles funktioniert!

Sunday, September 12, 2010: Laptev Sea, 132°N, 74.5°E

After all this time spent in Tiksi, everybody was keen to start the measuring program. At the first station the weather was kind and the sea quiet. For the majority of the research team this is the first cruise on a scientific ship, so during the first few stations the small laboratory as well the deck was crowded. Our main instrument is a rosette with self-closing bottles for water sampling in different depths. Additionally, there are instruments attached for recording important water parameters like depth and salt content. At each station, biological samples were also collected using a net with very fine meshes.

On vessels designed for scientific purposes, special winches and so-called A-frames for lowering the rosette are usually available. However, as ours is not exactly a new ship (it is 36 years old), we have to improvise every now and again. Our only possibility to operate the rosette is by using the rear crane. One of the little things that might happen was that the crane's brake obviously detected an overload although – wrongly. So what to do? Simply take a couple of strong scientists and pull up the rosette. Amazingly no measurements were lost nor anything damaged.

For determining the current state of the atmosphere (usually known as "weather"), there are weather stations all over the world, from the Siberian shores to Antartica. For the state of the ocean this is more complicated, as water is much more destructive due to its higher density. The oceanographic „weather balloons" are called moorings and are observatories deployed at the seafloor. They usually stay there for a year or two to be recovered later, and only then the data is available. In the whole inner Arctic there are less than a dozen of them, so the data of those few are of particularly high value. During our cruise, we hope to collect five moorings and the first one has already been recovered safely! Interestingly (for the biologists) or annoyingly (for the oceanographers), the moored instruments are covered by a thick layer of a beard-like fishy-smelling something, which is difficult to remove. However, the instruments were okay!

 

 

Laptev-See, 16.09.2010, 77°N, 135°E

Wie überlebt man einen Sturm in der Laptev-See?

Es begann mit einer steifen Brise aus Nord-Osten, die unserem guten Schiff „Nikolay Evgenov" deutlich Schlagseite bereitete. Natürlich wurden anfänglich noch einige Stationen abgefahren, doch Neptun blies unaufhaltsam aus voller Lunge. Zeitnah entschied unser Fahrtleiter Torben, einige Stationen auszulassen, um zum nächsten Meeresbodenobservatorium (Mooring) zu gelangen. OSL2D, so der Name, sollte der nächste Anlaufpunkt sein, da bis dahin der Sturm abschwächen sollte. Doch auch hier machte uns Neptun einen Strich durch die Rechnung, der Sturm frischte auf. Torben entschied, trotz des schon relativ starken Windes die Mooring zu bergen. Doch diese kam zu unserer Enttäuschung nicht an die Oberfläche, wahrscheinlich sind die Bojen abgerissen, was zur Folge hat, dass der Auftrieb, welcher die Geräte an die Oberfläche zieht, fehlt. Normalerweise hätten wir versucht, nach der Mooring zu dredgen, doch dieses ließen die schlechten äußeren Verhältnisse nicht zu. Viele Sachen flogen inzwischen durch die Luft, und dem einen oder anderen ging es zunehmend schlechter. Somit entschied Torben, OSL2D erst im nächsten Jahr ans Sonnenlicht zu befördern, und gab dem Kapitän die Anweisung, KOTELNYY, eine weitere Mooring, welche ca. 15 Stunden entfernt liegt, anzulaufen. Mit der Zeit waren nun alle potentiell bewegungsfähigen Gegenstände verzurrt oder verstaut, damit ließ dann auch das Poltern im Schiff nach. Auf dem halben Weg zur Mooring KOTELNYY bekam Torben dann die aktuellste Wettervorhersage zu Gesicht, es blieb fortan nur noch die Möglichkeit, sich hinter einer Insel vor dem Sturm, der sich bis auf 22 m/s verstärken sollte, zu verstecken. Dieses erwies sich als eine weise Entscheidung, denn nach der schaukeligen und teils nassen Fahrt konnten wir ohne größere Wellen oder Sturmauswirkungen den Wind hinter der Insel abklingen lassen und die Schäden beseitigen. Diejenigen, die eine leichte Übelkeit verspürt hatten, erholten sich schnell und heruntergestürzte Gegenstände bekamen ihren angestammten Platz zurück. Wir hoffen nun auf eine weitere, etwas ruhigere Fahrt, um die verbleibenden Stationen und das Bergen bzw. Ausbringen der Moorings erfolgreich zu absolvieren.

 

 

 

 


Die letzten Ausläufer des Sturmes, der unsere Arbeiten (und einige Teilnehmer) für mehrere Tage lahm gelegt hat, lassen das Meer noch immer leicht kabbelig erscheinen.

 

 

Thursday, September 16, 2010: Laptev Sea, 77°N, 135°E

How to survive a storm in the Laptev Sea

It started with a stiff breeze from the northeast, which caused the ship to heel over. Nevertheless, we carried out some stations, but Neptune did his very best. Soon, our cruise leader Torben decided that we skip some stations to reach the next mooring, which is called OSL2D, as soon as possible and to recover it during fair weather conditions. On our way there, the wind kept increasing. In spite of this Torben decided to try to recover the mooring. However, the mooring did not surface. Probably the buoys had been pulled off so that the buoyancy is not strong enough to pull up the instruments. Usually we would dredge for the mooring, but due to the bad weather this was impossible. Meanwhile things kept flying around on the ship, and one or the other team member got seasick. Torben decided that OSL2D will be recovered during the next summer expedition and that the vessel head for the next mooring, called KOTELNYY, an approximate 15-hours' sail away. Halfway to KOTELNYY, Torben realized that we should better take shelter behind an island because the forecast predicted that the storm would get even stronger, up to 22 m/s. When we reached the shelter, the island Belkovsky, the waves got smaller and the wind did no longer blow as strongly as before. While waiting there we had time to get better and clear up the damages in the cabins and laboratories. Now we are on our way to carry on with our station work, hoping that the weather will stabilize because we want to complete the remaining stations and recover the moorings successfully.

 

 

Laptev-See, 19.09.2010, 75°N, 125°E

TRANSDRIFT XVII ist für den Großteil der Teilnehmer die erste Expedition. Vor einer Woche fanden wir uns in einer ungewöhnlichen Welt wieder, in der wir dennoch viele Dinge kennenlernten.

Erste Schwierigkeiten sollten sich mit dem Finden der richtigen Zeit einstellen, mehrmals musste die Zeit verstellt werden. Letztendlich richten sich die Uhren nun aber nach der Schiffszeit, welche Krasnojarsk-Zeit beträgt. Nach einer erfolgreich absolvierten Schiffswoche stellt sich langsam die tägliche Routine ein bzw. für die Hälfte die nächtliche Routine, denn die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen unterteilt. Die eine Gruppe arbeitet tagsüber, die andere nachts. Doch die Routine wurde schnell unterbrochen.

Das Schiff hatte einen weiteren Auftrag, es sollte 25 Tonnen Öl zu einer Insel befördern, es ist nur etwas unvorteilhaft, wenn man ein Landungsboot hat, welches nur 3 Tonnen laden kann, somit dauerte dieses etwas. Damit hatten wir viel Freizeit, was durch einen aufziehenden Sturm noch verstärkt wurde, denn auch dadurch konnten wir unserer Arbeit nicht nachgehen. Somit verbrachten wir einige Tage, ohne etwas zu tun, was manche freute und manche ärgerte. Die Nacht- und Tagschichten hielten sich mehr oder weniger an den Arbeitsplan, womit teilweise der Tag von den „Nachtarbeitern" etwas verschlafen wurde. So kam es, dass die Abende miteinander verbracht und viele Spiele gespielt wurden.

 

 

 


Unser Schiff, die NIKOLAY EVGENOV, beim Einschiffen. Das Schiff wurde in Finnland gebaut, gehört jedoch zur Flotte des russischen Hydrometeorologischen Instituts. Auf jeden Fall ist es momentan die „Heimat" der Expeditionsteilnehmer.

Ein paar Worte müssen noch über die Schiffsbesatzung verloren werden. Diese besteht aus dem Kapitän, drei Offizieren, dem Bootsmann, Mechanikern,  Matrosen und drei Köchen, Frauen, welche das Schiffsleben streng unter Kontrolle haben. Wir wurden selbst Zeuge ihrer strengen Arbeitsweise. Eine Sache der Improvisation ist die Kommunikation mit der Crew. Die drei Frauen haben keine Berührungsängste. Sie reden gerne ohne jegliche Gesten oder Mimik russisch, sowohl mit den deutschen Teilnehmern als auch mit den russischen. Die Matrosen sind da etwas extrovertierter, sie laden öfter zu Spielen wie Backgammon, Domino oder zum Klimmzugwettbewerb ein. Die Offiziere beantworten höflich unsere Fragen über Navigation, ihre Arbeit auf der Brücke, ein paar von uns haben sogar eine kleine Tour durch den Maschinenraum mit ihnen gemacht. Im Allgemeinen haben die russischen Kollegen  keine Verständigungsprobleme, was auf einem russischen Schiff wenig verwunderlich ist, die deutschen Kollegen müssen sich mit ein paar Brocken Russisch und Gesten behelfen oder jemanden zum Dolmetschen suchen.

Eine andere Eigenschaft des Schiffes darf nicht verschwiegen werden – schaukeln. Die teils riesigen Wellen hatten zur Folge, dass manche von uns schnell seekrank wurden, die stürmische Nacht war für sie nicht einfach zu überstehen. Die schlimmsten Dinge während dieser Woche waren damit Seekrankheit und umherfliegende Gegenstände und Möbel.

Durch die Schwierigkeiten, die wir in der letzten Woche zu überstehen hatten, schauen wir nun positiv auf den Rest der Tour und sind auf alle Überraschungen vorbereitet.

 

Sunday, September 19, 2010: Laptev Sea, 75°N, 125°E

TRANSDRIFT XVII is the first cruise for the majority of the participants. A week ago we found ourselves in an unusual world where we must get used to many things.

The first difficulty of the expedition was time. Since we left home, we set and reset our watches several times and eventually settled on ship time (Krasnoyarsk time). Having spent a week on the ship, we have almost adapted ourselves to the daily routine (nightly routine for half the team). The participants were divided into two groups: one works during the day, the other at night. But our routine was soon interrupted.

The ship's crew had order to deliver 25 t of oil to an island. This, however, had a drawback: the landing craft could not load more than 3 t so the procedure took a while. So we spent a few days without any work. This spare time was prolonged because of a storm. Day and night shifts kept to their schedule: sleeping during the night and missing all the day and vice versa. Nevertheless, the unexpected holidays brought us some fun. We spent pleasant evenings playing different games all together. 

OIf course, we must also say a few words about the ship's crew. It consists of the captain, several chief officers, boatswain, mechanics, ordinary sailors and three cooks (women). These latter rule the ship's life (and ours, too) with a firm hand. Communication with the crew is sometimes a matter of improvisation. But it seems that the three cooks do not feel uncomfortable about it. They usually speak Russian never mind to whom without any gestures or facial expression. The sailors are much more extroverted. They often invite us to play dominoes and backgammon or to take part in a championship at pull-ups. The chief officers politely answer our questions on the navigation and other works on the bridge. Some of us have already had the pleasure of a small tour to the engine room.

Another characteristic of sailing that certainly cannot be ignored is reeling. Honestly, some of us became seasick soon and they had a hard time in the stormy night. Seasickness accompanied with flying or falling items and moving furniture were our worst experiences during this week.

Despite all this, we are still ready to facing surther surprises during the expedition.

 

 

Montag, den 20.9.2010: Laptev-See, 77°N, 115°E

Was sind eigentlich Meeresbodenobservatorien?

Eine Kurzbeschreibung aus Sicht der Boje

Hallo mein Name ist Boje und ich bin das gelbe große Ding, das ihr da auf dem Bild ganz oben an der Kette sehen könnt. Ich hängedas ganze nächste Jahr in ca. 20-30m Tiefe irgendwo im Wasser der Arktis rum. In den letzten Tagen war ich auf einem Schiff und es haben fünf Menschen eines Expeditionsteams immer wieder wie wild an mir herumgeschraubt. Dabei haben sie immer wieder seltsame Geräte stundenlang mit einem Computer kalibriert, programmiert und unter mir an einem langen Seil festgebunden. Nun ist es schließlich mein Job, über das gesamte nächste Jahr ein Meeresbodenobservatorium, eine sogenannte Mooring, senkrecht im Wasser zu halten, da die das ohne mich nicht hinkriegen würde. Ich verlass mich jedoch darauf, dass mein Betreuer, das IFM-GEOMAR, mich nächstes Jahr um diese Zeit wiederfindet und mich von diesem schweren Anker, der mich die ganze Zeit unter Wasser hält und dafür sorgt, dass ich nicht von Strömungen bewegt werde, befreit.

Dann kann ich das tun, was ich am besten kann, und mit allen seltsamen Geräten, die vorher an mir festgebunden wurden, wieder an die Wasseroberfläche steigen. Mit diesen Geräten messen die Menschen bestimmte Parameter des Wassers, wie z. B. die Temperatur, Salzgehalt und Strömungsgeschwindigkeit, um bestimmte physikalische Prozesse im Wasser besser nachvollziehen zu können. Die ADCP und CTD (so heißen zwei Geräte an der Leine unter mir) waren mit ihren Nerven komplett am Ende, als sie endlich mit mir ins Wasser kamen. Sie wurden die letzten Tage stundenlang von den fünf Menschen, die sich „Mooringteam" nennen, gequält und dabei immer wieder mit einem Computer verbunden, einer Gehirnwäsche nach der nächsten unterzogen. Das alles nur um sicher zu stellen, dass sie da unten keinen Schwachsinn messen, nicht plötzlich Norden mit Süden vertauschen und die Menschen dann nächstes Jahr nicht völlig verwirrt sind. Wenn ich dann nächstes Jahr von Torben (dem Leiter dieses sogenannten „Mooringteams") gerufen werde, löst er den Anker mithilfe hydroakustischer Signale von der Leine, und dann zieh ich alles nach oben und werde dann mit einem Kran wieder an Bord eines Schiffes geholt. Dort werden alle Geräte von mir abgeschraubt und vom Mooringteam am Computer ausgequetscht, um alle Messdaten aus ihnen herauszubekommen. Ich genieße derweil mein jährliches Wellnessprogramm und werde von einem Mitglied des Mooringteams geschrubbt und gewaschen bis alles, was mich da unten im Wasser das Jahr über bewachsen hat und so widerlich nach Fisch stinkt, ab ist, sodass ich wieder in meinem wunderschönen Gelb glänze und mich auf meinen nächsten Job vorbereiten kann.

 

 

 


Bergung des Meeresbodenobservatoriums KHATANGA
nach einjähriger Messdauer in knapp 50 m Wassertiefe

 

 

Donnerstag, den 23.9.2010: Karasee, 81°N, 75°E

Auf nach Norden!

Nachdem unsere Arbeit in der Laptev-See, nach leichten Problemen aufgrund der Kälte wie z.B. Einfrieren der Rosette (dem Kranzwassserschöpfer, mit der wir die Wasserproben in verschiedenen Wassertiefen nehmen) und leichten Ausrutschern auf Deck erfolgreich beendet war, machten wir uns auf den Weg in die Karasee zu der letzten zu bergenden Mooring.

Diese Mooring, die aufgrund ihrer Lage im St. Anna-Graben auch den Namen ST. ANNA trägt, wurde letztes Jahr bei der NABOS-2009-Expedition ausgebracht. Auf dem Weg zu dieser Mooring wurde es endlich im wahrsten Sinne des Wortes „eisig": Je näher wir der Wilkitskij-Straße kamen, desto häufiger wurden nicht nur kleine Eisbrocken, sondern auch große Eisschollen und schließlich mehrere große Eisberge gesichtet. Nach einer Durchsage des Kapitäns „Eisberg in Sicht" strömten nahezu alle Expeditionsteilnehmer auf das oberste Deck, um die Fotoapparate heiß laufen zu lassen. Dass wir uns dem Packeis näherten konnte man auch gut daran erkennen, dass immer mehr Eisbär-Fußspuren auf den größeren Eisschollen zu sehen waren und sich auch die eine oder andere Robbe sehen ließ. Besonders interessant war, dass man die Entstehung vom Meereis über zunächst kleine Eiskristalle auf der Wasseroberfläche hin zu sogenanntem Pancake-Eis, welches sich dann windgetrieben übereinanderschiebt und schließlich eine Eisdecke bildet, hautnah und „live" beobachten konnte. 

 

 

 

 


Einer der vorbeitreibenden Eisberge auf dem Weg nach Norden zum Meeresobservatorium ST. ANNA. Die Höhe dieses Berges betrug zwar nur gute 10 m oberhalb der Wasseroberfläche, aber er lässt die ganzen Ausmaße unter Wasser schon erahnen


Unser Weg verlief häufig durch solche Treibeisfelder, die Dicke der Eis-schollen lag aber selten über 20 cm, und unser Schiff hatte keine Probleme mit dem Vorwärtskommen

Inzwischen war die Außentemperatur auf ca. -10°C gesunken, und das Einholen der letzten Mooring wurde aufgrund des Schnees und Eises zu einer wahren Rutschpartie. Insgesamt dauerte die Bergung der letzten Mooring knapp drei Stunden, da diese ca. 400m an Länge aufwies und wir am Ende schon gar nicht mehr wussten, wohin mit dem Mooringseil (unser Schiff ist nur knappe 60 m lang).
Ein weiteres Problem war, dass das nasse Mooringseil sofort gefror, sobald es aus dem Wasser gezogen wurde, und man eher das Gefühl hatte, mit einem steifen Drahtseil und nicht mit einem flexiblen Kevlarseil zu hantieren. Nachdem diese mehr oder weniger kleinen Probleme aber erfolgreich gelöst worden und alle Geräte sicher verstaut waren, konnte der Start zu unserem letzten Transekt (eine Reihe von Stationen, die einen Querschnitt durch die jeweilige Arbeitsregion bildet) beginnen. Leider konnten die letzten vier geplanten Stationen nicht beprobt werden, da sich plötzlich eine etwas unerwartete Situation einstellte: Beim Anlaufen der Station stellte sich heraus, dass keine Geräte mehr ins Wasser gelassen werden konnten, weil die erreichte Packeiskante den Zugang zu diesem komplett verhinderte. Aus diesem Grund war unsere Arbeit bereits früh in der Nacht beendet, und wir machten uns auf den Weg zu einem Zwischenstopp an der Polarstation Sterligow. Die Fahrtzeit dorthin wurde dazu genutzt, alle Proben und Arbeitsgeräte sicher in Kisten zu verstauen und die Labore in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Von der Polarstation aus wird unsere Fahrt weiter zum Fluss Jenissej gehen, wo wir das Schiff wechseln und dann unseren Zielhafen Archangelsk anlaufen werden.

Mit besten Grüßen aus der Karasee,
das Expeditionsteam


Sonnenuntergang auf 81° Nord

 


 

Sonntag, 26.9.2010: Laptev-See, 77°N, 85°E

Bericht der hydrochemischen Arbeitsgruppe:

Having seen the tireless activity of the chemists nervously moving around the rosette, the crew suspected „sorcery". If you ever have watched films about witches or alchemists, you can easily picture the day and night ceremonies carried out by our chemical group.  

For sure, you can't image chemists without their laboratory and the bouquet of amazing fragrances. The lab was set up quickly: a scratched table, an old chair and a couple of plump bottles. But the „unforgettable" chemical atmosphere was concentrated in just one box which was hidden far away from the nosy non-chemists. Then, the picture was completed with an infinite amount of differently shaped and sized bottles and pots.

Our „magic" began by carefully arranging the bottles in special drawers. The larger containers dedicated to SPM (suspended particular matter), chlorophyll a and CDOM (chromatic dissolved organic matter) were comfortably sitting in a bigger box. The tiny ones for dissolved oxygen, d18O and biogenic element samples were stored up in another cozy box.


The hydrologists take water samples from the rosette
 

After having arrived at a station, we carried our box with the sample bottles over deck to the rosette. The procession was led by the Daughters of Eve, occasionally they were disturbed by Yellow-XXXL-Trouser-Man, also known as Karlson from the roof. As soon as the oceanographers gave the green light, the rosette was attacked. The plan was always the same: while the bigger bottles were waiting peacefully aside, the army of smaller bottles sounded the attack. For the distant observer the most spectacular moment might have been the dissolved oxygen sampling. By using some reagents, the chemists turned pure seawater into something like orange juice with slowly sinking flakes.

From time to time the well-coordinated work was disturbed by some frustrating things such as leaking bathometers, unpleasant weather conditions or the crane insisting on having its way concerning working hours.


Sonnenaufgang über der Karasee

As soon as the last bottle was closed, the procession retreated and hurried to the laboratory one deck upstairs. While the chlorophyll samples were filtrated accompanied by the noise of vacuum pump and the dissolved oxygen samples were titrated, the other samples were frozen and packed for later analyses.
After everything was accomplished, the bottles were ordered in their boxes, life in the lab came to a standstill, waiting for the next station. In this way station followed station and the days passed. Nightfall announced the end of the first act. After a quick dinner the second part started, which was no less exciting: that was what they called night shift.

8 p.m.: Beginning of night shift

The work process during the night shift was absolutely identical to the one of the day shift, beside some amazing peculiarities: you could muse about the starlight reflected in the water samples or grab benthos from the awesome darkness of the ocean. You could catch the rising sun in a plankton net.

The night is so dark and you could see your mates only because of their bright yellow overalls. The long waiting times for the next station were shortened by having a snack or watshing a movie. Time went by very fast and only the cheerful „Good morning" from the day shift made you realize that one more night had passed!

 

 

Sonnabend, den 2. September 2010: Karasee, 72°36‘N, 80°47'E (Jenissej-Mündung)

Rückreise – langsam, aber stetig

Nach Abschluss unserer Stationsarbeiten in der nördlichen Karasee haben wir auf dem Rückweg noch die Polarstation Sterligov mit Treibstoff für den Winter versorgt und liegen mittlerweile in der Mündung des Flusses Jenissej. Hier steigen wir gerade auf unser neues Schiff, die „Dmitry Ovtsin", um, die uns in den nächsten Tagen dann nach Arkhangelsk bringen wird.

Da nicht nur wir und unsere Expeditionsausrüstung, sondern auch die kompletten Mannschaften der beiden Schiffe tauschen, zieht sich das Umsteigen allerdings ziemlich in die Länge. Da zum Umladen auf See recht stilles Wasser benötigt wird, haben wir auch schon mehrmals die Ankerposition gewechselt, der Kapitän rechnet aber damit, dass wir im Laufe des morgigen Tages die Arbeiten hier abgeschlossen haben.

Da die meisten Arbeiten, vom Schreiben von Berichten und Vor-Auswerten einiger der erhobenen Daten einmal abgesehen, zumeist schon abgeschlossen sind, vertreiben sich die meisten Expeditionsteilnehmer die Zeit mit Lernen, Lesen, abendlichen bzw. nächtlichen Karten- und Brettspielen sowie tage- und nächtelangen Diskussionen.

Das Wetter kann man mit knapp 0 Grad und kräftigem Wind als durchaus „normal" bezeichnen, aber in der Flussmündung hier bekommen wir von dem Wind nur sehr wenig mit, da wir hier sehr geschützt liegen. Die Wettervorhersage für die nächsten Tage zeigt kräftigen Wind aus Nordost, und wir hoffen, dass durch diesen Rückenwind die Zeit bis zu unserer Ankunft in Archangelsk etwas verkürzen wird.

Unsere momentane Rückkehr ist für den 08./09. Oktober geplant, aus obigen Gründen leider einiges später als noch vor einigen Tagen geplant.

Mit besten Grüßen aus der südlichen Karasee,
die Expeditionsteilnehmer