Daily reports of TRANSDRIFT X

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6. September 2004

Alle Expeditionsteilnehmer sind wohlauf und guter Dinge. Wir haben in Tiksi drei Wohnungen gemietet und uns dort eingerichtet. Auch das Wetter ist gut. Die Temperaturen liegen bei 0°C, aber es ist trocken und sonnig. Jetzt warten wir auf das Eintreffen des Forschungsschiffes „Yakov Smirnitsky“, das sich derzeit in der westlichen Laptev-See, also auf direktem Weg nach Tiksi, befindet. So hoffen wir, dass wir in den nächsten Tagen auslaufen können.

Herzliche Grüße von Heidemarie Kassens und allen Expeditionsteilnehmern

 

Die Hafenstadt Tiksi im Norden von Jakutien.

Die lange Wartezeit von 10 Tagen haben wir auch genutzt, um die vom Dauerfrost geprägte Tundralandschaft in der Umgebung von Tiksi zu studieren. Typisch dafür sind zum Beispiel die so genannten Eiskomplexe entlang der Küste der Halbinsel Bykovsky.

12. September 2004 (5°C, sonnig)

Tschüs, Tiksi – los geht's: An Bord des russischen Forschungsschiffes YAKOV SMIRNITSKY sind wir heute um 10:00 Uhr (Moskau-Zeit) bei sehr gutem Wetter ausgelaufen, um östlich des Lena-Deltas mit unseren Stationsarbeiten zu beginnen.

Herzliche Grüße aus Sibirien von den Expeditionsteilnehmern

Das russische Forschungsschiff „Yakov Smirnitsky“ im Hafen von Tiksi. Schwierige Eisverhaeltnisse in der westlichen Laptev-See machten es der „Smirnitsky“ in den letzten zwei Wochen nicht einfach, den Weg nach Tiksi zu finden. So wurde die „Smirnitsky“ schließlich von zwei Eisbrechern („Vaigach“ und „Nikolayev“) durch das Eis (Taymyr-Eismassiv) begleitet. So schwierige Eisverhältnisse wie in diesem Jahr hat es hier seit zwanzig Jahren nicht mehr gegeben.

Laptev-See, 14. September 2004 (5°C, neblig)


Die Forschung läuft

Der frostige Empfang in Tiksi passte genau zu unserem wissenschaftlichen Thema der geophysikalischen Untersuchungen während der TRANSDRIFT-X-Expedition: dem Permafrost im Meeresboden. Aufgrund der eisbedingten Verzögerungen konnten wir aber ausgeruht ans Werk gehen, als die „Yakov Smirnitsky“ einlief. Als wir das Arbeitsgebiet 24 Stunden später erreichten, war daher alles aufgebaut: Kompressoren, eine lange Reihe von Benzinfässern, der kleine, 50 m lange Streamer, speziell ausgelegt für Flachwasser-Untersuchungen, die hochfrequente Luftkanone, eine Mini-GI-Gun und das kleine Labor mit Steuerungs- und Aufzeichnungscomputern.

In der Nacht wurden alle Geräte angeschaltet, und nach kurzen Testserien ging es dann auf das erste Profil. Viel lässt sich während einer Messung ja noch nicht über die Daten und die Datenqualität sagen. Die ersten neugierigen Blicke auf die Datenbänder lassen jedoch erwarten, dass wir das gesteckte Ziel, die Verteilung und den Charakter des marinen Permafrostes in dieser Region zu erfassen, gut erreichen können. Auch, dass es kompliziert ist, zeigen die Daten, und da ist es gut, dass wir die Mehrkanalseismik mit den höher frequenten Side-Scan- und Sub-bottom-Profiler-Daten unserer russischen Kollegen kombinieren können, die ebenfalls während der ersten zwei Expeditionstage ein erfolgreiches Messprogramm absolvieren konnten.

Als nächstes stehen die Sichtung der Daten und eine vorläufige Auswertung auf dem Programm, für die wir die ozeanographische Messpause gut nutzen können.

Viele Grüße von allen Expeditionsteilnehmern

 


Laptev-See, 16. September 2004 (17:00 Uhr: 74°28 N; 130°05 E)


Gesucht und gefunden

Mittwoch Vormittag haben wir die autonome Langzeitmessstation LENA nördlich des Lena-Deltas geborgen. Die Suche nach den Langzeitmessstationen LENA und YANA, die während der TRANSDRIFT-IX-Expedition am Meeresboden in 25 und 30 m Wassertiefe verankert worden sind, begann bereits am Dienstag, musste jedoch wegen eines Sturmes in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch eingestellt werden.

Die Stationen haben während der letzten 54 Wochen alle 30 Minuten wichtige Umweltdaten wie Strömung, Temperatur, Salzgehalt, Eisbedeckung und Partikelkonzentration registriert. Damit ist eine kontinuierliche Beobachtung über mehrere Jahreszeiten hinweg gelungen. Auch die Zeit des langen sibirischen Winters - fast neun Monate im Jahr -, in der wegen einer bis zu 2,5 m mächtigen Eisdecke keine Schiffsexpeditionen möglich sind, wurde erfasst. Wir sind gespannt auf die Auswertung dieses Datensatzes.

Beim Anlaufen der nördlichen Station YANA hatten wir zunächst sehr gute Wetterverhältnisse - Ententeich. Doch in der Abenddämmerung schlug das Wetter um, und starker Wind mit hoher Dünung machte die Bergung der Station in dieser Nacht unmöglich. Um keine weitere Zeit zu verlieren, sind wir noch in dieser Nacht in Richtung Lena-Delta gefahren, um am frühen Morgen die Station LENA zu erreichen. Die Strategie wurde belohnt, so dass wir mit dem tatkräftigen Einsatz der Mannschaft und aller Wissenschaftler die Bodenstation mit dem Strömungsmesser geborgen haben. Beim Hieven der ca. 130 kg schweren Station an Bord der „Yakov Smirnitsky“ haben wir leider die Messkette für Temperatur und Salzgehalt verloren, da das Verbindungsseil während der Bergung am Rahmen ausriss.

Weiter keine Spur von YANA: Heute erreichten wir im Anschluss an ein spannendes geophysikalisches Profil um 5:27 Uhr die Station YANA ein zweites Mal, um die Suche bei gutem Wetter und Tageslicht fortzusetzen. Beim Anlaufen der Station war bereits klar, dass das am Vortag von uns ausgelöste automatische Release-System nicht funktioniert hatte, da wir die aufsteigenden Auftriebs-/Signalbojen nicht ausmachen konnten. Trotz einer umfangreichen Suchaktion, einschließlich eines detaillierten Suchrasters am Meeresboden mit einem Seitensichtsonar, sowie den großflächigen Bergungsversuchen mit fünf Grundankern haben wir die Suche gegen 12:45 Uhr aufgegeben. Wir vermuten, dass Eis die Verankerungen im letzten Winter mitgerissen hat, so dass die Station für uns nicht mehr auffindbar oder sogar zerstört worden ist.

Die Manöver der vergangenen Tage waren nicht ganz einfach – ein großes Dankeschön an alle.

Zur Zeit sind wir auf dem Weg in die zentrale Laptev-See und führen bei rauer See ein geophysikalisches Profil durch.

Herzliche Grüße von den Expeditionsteilnehmern

 


Laptev-See, 17. September 2004 (15:00 Uhr; 74°30 N, 130°19 E)


Forschung mit Hochdruck

Wir befinden uns nach wie vor im nördlichen Teil des Arbeitsgebietes, haben nun aber nach den ersten seismischen Übersichtslinien damit begonnen, das Profilnetz zu verdichten. Trotz des mitunter rauen Wetters und der mit den Wellen schwankenden Datenqualität zeigen die hochauflösenden Daten noch eine ganze Reihe von oberflächennahen, heterogenen Strukturen, die es nun zu interpretieren und eventuell zu kartieren gilt. Auffällig ist vor allem eine recht holperige Grenzfläche in einigen zehn Metern Tiefe, bei der es sich vielleicht um eine alte Thermokarstlandschaft oder gar um Eis handelt. Auf jeden Fall warten wir mit Spannung auf weitere geophysikalische Einsichten in die Kältezone unter dem Kiel der „Yakov Smirnitsky“. Auch während der verbleibenden Messtage wird die Seismik immer nur kurze Zeit durch biologische Stationsarbeiten unterbrochen werden. Die nötigen Handgriffe auf dem fremden Schiff haben sich inzwischen eingespielt. Das regelmäßige Aussetzen und Einholen von Streamer und Kanone sind dennoch mit erheblichem Kraftaufwand verbunden, da beides jeweils von Hand über das Schanzkleid gezogen werden muss. Ist erst einmal alles im Wasser und werden Daten aufgezeichnet, müssen jede gute Stunde die Kompressoren betankt werden, damit die Kanone mit ausreichend Luftdruck versorgt wird. Das Betanken erfordert bei Wind, Regen und Seegang ein wenig russische Improvisation, was beinhaltet, das Benzin aus großen Fässern mit Hilfe eines Gummischlauches in kleine Kanister umzufüllen. Dazu taucht man den Schlauch tief ein, verschließt ihn mit dem Daumen und führt ihn schließlich im richtigen Schwung zum Kanister. Den Rest erledigt der Druckunterschied. Ein Hoch auf die Physik.

Laufen die Kompressoren dann, müssen Kanonendruck und Schussrate sorgfältig aufeinander abgestimmt werden. Sonst schießt man nämlich entweder die Kanone leer, oder thermodynamische Gesetze führen bei zu großem Druckunterschied zur sofortigen Vergletscherung des Leitungssystems. Und dann hat man wieder Arbeit mit dem Heißluftföhn. Manchmal ist Physik auch doof. Doch solcherlei physikalische Feinheiten sind leicht unter Kontrolle zu halten, und sowohl Mensch als auch Technik verkraften den Dauereinsatz bisher gut. Nur einer der Kompressoren erbrach bei der Schaukelei ein wenig Öl, doch der Doktor sagt, das wird schon wieder. Ansonsten sind alle wohlauf und freuen sich auf das nächste Wochenende, das wir auch diesmal wieder am Meer verbringen wollen. Herzliche Grüße und einen Schwall frischer, kühler Luft aus der Laptev-See senden Wissenschaftler und Crew der „Yakov Smirnitsky“.

 


Laptev-See, 19. September 2004


Das Wetter ist auf unserer Seite

Nachdem es während der letzten Tage ziemlich ungemütlich war, zeigt sich das Wetter seit Samstag von seiner besten Seite. So ist es ganz zur Freude unserer Offiziere, die unsere „Yakov Smirnitsky“ metergenau durch die spiegelglatte Laptev-See manövrieren müssen, fast windstill, und die Decksplanken sind nur noch nachts vereist. Damit können wir unsere Forschungsarbeiten, mit kleinen Unterbrechungen für die Wartung des Schiffsdiesels, rund um die Uhr fortsetzen. Gut so, denn wir haben leider nur noch zwei Tage Zeit, brennende Fragen zu beantworten und Daten über den gefrorenen Meeresboden, ein Relikt der letzten Eiszeit, zu erheben.

Wie ist der vom Dauerfrost geprägte Meeresboden der Laptev-See aufgebaut und wo soll im nächsten Jahr gebohrt werden?

Zunächst könnte man den Eindruck gewinnen, dass es im und auf dem Meeresboden der Laptev-See ziemlich chaotisch zugeht. So ist der Meeresboden in vielen Gebieten von Eispflugmarken durchpflügt, die tief in die Sedimente eingeschnitten sind. Aus der Vogelperspektive, d.h. in den Aufzeichnungen des Seitensichtsonars, lassen diese Zeugen von mächtigen durch Wind und Strömung aufeinander gestapelten Eisschollen und kleinen Eisbergen durchaus einen Vergleich mit einem dicht verzweigten Straßennetz zu, und sie geben uns einen guten Eindruck über die extremen und unwirtlichen Verhältnisse im Winter, der hier spätestens in zwei Wochen beginnen wird.

Dass hinter jedem Chaos eine Ordnung steckt, haben uns bereits jetzt die ersten Ergebnisse von geophysikalischen Detailvermessungen in eng begrenzten Gebieten der zentralen Laptev-See gezeigt. Diese Profile werden uns ein dreidimensionales Bild des Meeresbodens geben und damit helfen, geeignete Bohrpositionen zu finden sowie die komplizierten Strukturen und den Aufbau des Permafrostes zu erfassen. Dazu muss in die Borddaten unserer Geophysiker allerdings noch viel Schweiß und Arbeit gesteckt werden.

Herzliche Grüße aus der Laptev-See von den Expeditionsteilnehmern

 



TRANSDRIFT X – Arktika...........

Die biologischen und meereschemischen Arbeiten auf der Station 45 waren gerade abgeschlossen, und alles war klar zum Aussetzen der Seismik, des Sedimentecholotes und des Seitensichtsonars, als wir um 14:05 Uhr die Nachricht von der Leitzentrale für die Navigation entlang der Nordostpassage aus Murmansk erhielten, die Forschungsarbeiten sofort, d.h. 34 Stunden früher als geplant, zu beenden und in Tiksi einzulaufen. Grund für das unerwartet frühe Ende unserer Expedition sind die immer noch schwierigen Eisverhältnisse in der westlichen Laptev-See.

Die „Yakov Smirnitsky“ wird nach einem kurzen Aufenthalt zum Be- und Entladen in Tiksi am 23. September mit dem letzten möglichen Eisbrecherverband in diesem Jahr die Laptev-See verlassen und ca. 16 Tage später den Heimathafen Archangelsk erreichen. Wir werden wie geplant am 23. September von Tiksi nach Moskau und noch am gleichen Tag über Zürich nach Hamburg und Hannover fliegen. Unsere russischen Expeditionsteilnehmer werden uns bis Moskau begleiten und von dort in ihre Heimatstädte weiterreisen.

Herzliche Grüße aus der Laptev-See von den Expeditionsteilnehmern